Artikel : Pronomen ohne Geschlecht 3.2

Einleitung

Die Version 3.2 von Pronomen ohne Geschlecht ist die aktuelle Version. Der erste Teil dieser Seite besteht aus reinem Text mit digitalen Querverweisen, ganz unten gibt es noch eine visuelle Version bei der, der Text in Bilddateien als Comiczine mit Illustrationen eingebettet ist. Der Zugang unterscheidet sich, der Inhalt ist der gleiche.

Das mit den Pronomen ohne Geschlecht ist nicht so einfach wie im Englischen. Es gibt sowieso nur einen Artikel im Englischen „the“. Das „singular they“ gibt es schon seit Shakespeares Zeiten. Wo es im Deutschen 28 verschiedene Formen braucht, damit Pronomen in die existierende Grammatik passen, reichen auf Englisch „they“, „them“ und „themselves“.

Die aktuelle Version der Pronomen ohne Geschlecht lässt sich immer schnell auf der Übersichtsseite herausfinden. Dort gibt es auch Links und Zusammenfassungen zu älteren Versionen. Neuerungen und Änderungsüberlegungen werden kontinuierlich bis zur nächsten Version gesammelt, schaut doch bei Änderungsliste für die Pronomengrammatik vorbei. Ich freue mich über Kommentare und Vorschläge.

Inhaltsverzeichnis

Hintergründe
Einfach anfangen
Gründe für Neopronomen
Schwedisch und Englisch
Fünf verschiedene Pronomen
Personalpronomen: xier
Possessivpronomen: xieser
Relativpronomen und Artikel: dier
Die grammatikalischen Geschlechter
Substantive
Was andere machen
Fremdbezeichnung oder Selbstbezeichnung
Und weiter
Abspann
Fußnoten und Quellenangaben
Comiczine Version mit Illustrationen

Hintergründe

Ihr braucht nicht alles auf einmal lesen und wenn ihr Euch nur mit bestimmten Teilen näher beschäftigt, freut mich das auch. Referenzen werden in eckigen Klammern angezeigt und verweisen auf die Liste der Referenzen am Ende des Textes, zum Teil gibt es einen Direktlink zu einer externen Webseite. Durch schweben mit der Maus über der verlinkten Zahl werden die Erklärungen der Liste beziehungsweise Definitionen angezeigt.

[…Ich kann auch nur schwer glauben,wie wenig sich Geschlechtsneutralität in deutscher Sprache bisher durchgesetzt hat. immer wenn ich in den USA bin, ist es so toll, wie Leute einfach they benutzen, statt mich in die he oder she Schublade zu stecken und ich so viel weniger über meine Geschlechtsidentität nachdenken muss!!! Ich hoffe irgendwann ist das mit den Pronomen so normal, wie sich auch der Unterstrich mittlerweile in manchen Kreisen durchgesetzt hat…]

Das hat Andrzej, dier HerausgeberIn des Zines Wer ‚A‘ sagt, muss nicht ‚B‘ sagen [1], auf der Pronomenseite kommentiert.

Möchtest Du mehr geschlechtsneutrale Sprache? Fehlen Dir Worte für die Selbstbezeichnung?

Kennst Du schon alternative Grammatik und interessierst Dich für andere Möglichkeiten?

Dann bist Du hier richtig. Ich will Dir hier verschiedene Pronomen ohne Geschlecht vorstellen. Du kannst 3, alle 28 oder gar keines dieser Pronomen verwenden, ganz wie Du willst!

Die meisten Pronomen haben gar kein Geschlecht: ich, du, unser, mein… Die Pronomen in der 3. Person Einzahl bekommen jedoch eines zugewiesen, ihr wisst schon: er, sie, sein, ihr, die, der, dem… Ich finde es unsinnig immer wenn ich über Dritte rede, das Geschlecht mit anzugeben, aber es gibt noch ein paar andere Gründe.

Manchmal meine ich ausdrücklich ein bestimmtes Geschlecht, aber ganz oft nicht. Auf Englisch kannte ich schon Pronomen ohne Geschlecht – ich beziehe mich im folgenden immer auf die 3. Person Einzahl – aber auf Deutsch fehlten sie mir.

Das erste Pronomen ohne Geschlecht, sif, schrieb ich zusammen mit Felix Hill im Zug auf die Rückseite einer Fahrkarte. Das Aussehen der Personalpronomen hat sich im Laufe der Zeit noch verändert. Es folgten sier und xier. Bei xier bin ich schließlich geblieben. Es ist ein kurzes Wort, die Endung kann die Deklination, also zum Beispiel den Akkusativ, anzeigen und wegen des ersten Buchstabens lässt es sich nicht einfach mit einem schon existierenden Wort verwechseln.

Ich wurde mal gefragt, ob die Pronomen extra fürs Internet angefertigt wurden. So war das nicht, aber ich habe sie ziemlich bald auf eine Webseite gesetzt und konnte so mit mehr Menschen diskutieren. 2012 hat Liliane Gross auf dem Blog kommentiert, ob ich nicht den Anfangsbuchstaben auf x setzen möchte:

[…Durch den schärferen x-Laut wird aber wieder verdeutlicht, dass man sich oder andere eben nicht als „sie“ oder „er“ identifiziert…]

Ich will Sprache mit mehr Möglichkeiten, dann kann ich genauer ausdrücken was ich sagen will. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich das generische Maskulinum (Definition) nicht toll finde, aber dazu später mehr.

Ich denke, Sprache hat Macht. Veränderte Verhältnisse brauchen eine neue Sprache. Sprache ist jedoch nicht nur ein Spiegel der Verhältnisse, sondern schafft auch neue Wirklichkeiten. Und manchmal brauche ich mehr sprachlichen Platz, schon bevor sich die Verhältnisse ändern können.

Einfach anfangen

Pronomen

Die herkömmlichen Personalpronomen, sie und er, lassen sich zu einem neuen Personalpronomen, sier, kombinieren wenn ich beide Wörter hintereinander schreibe und ein e weglasse. Das habe ich auch schon als si:er, si_er oder si*er gelesen.

Die Symbole zwischen si und er sind nicht so einfach auszusprechen, denke ich, aber geschrieben sind sie intuitiv verständlich. Im Deutschen hängt die Endung eines Personalpronomens vom Fall ab. Im 3. Fall, dem Dativ, wird sie zu ihr und er wird zu ihm. Die Endung des Possessivpronomen, ihr und sein, ändern sich obendrein noch in Abhängigkeit vom Geschlecht des Substantivs, auf das sie sich beziehen. Auch Pronomen ohne Geschlecht brauchen unterschiedliche Endungen, weil sie wichtig für das Verstehen eines Textes sind. Wem das zuviel Grammatik auf einmal ist, möge mit den drei Grundformen der Pronomen ohne Geschlecht beginnen und die Endungen kreativ beim Sprechen verändern:

  1. xier – ein Personalpronomen, anstelle sie und er
  2. xieser – ein Possessivpronomen, anstelle ihr und sein
  3. dier – ein Artikel und ein Relativpronomen, anstelle die und der

Wortanfang

Das x am Wortanfang wird wie für ein x typisch entsprechend der phonetischen Lautschrift [2], [ks], ausgesprochen. Die Pronomen xier und dier reimen sich auf das Wort Tier und xieser reimt sich auf das Wort dieser. Ausführlicheres zu den Endungen und vorhandenen grammatikalischen Strukturen folgt im weiteren.

Aussprache

  1. xier – [ksi:ɐ̯]
  2. dier – [di:ɐ̯]
  3. xieser – [ksi:zɐ]

Beispielsätze

Xier, dier jongliert.
Xier konzentriert sich auf xiese Ringe.

Gründe für Neopronomen

Lenas Gründe

[…Es gibt Momente, da halte ich es für angebracht, geschlechtsneutral zu schreiben oder zu sprechen…]

Das Zitat stammt von Lena Schimmel. In ihrem Artikel [3] beschreibt sie auch eine Reihe von Situationen in denen sie geschlechtsneutrale Pronomen bräuchte:

  1. Wenn ich das konkrete Geschlecht einer Person kenne, aber es in dem Moment für ungünstig halte, es zu erwähnen.
  2. Wenn eine Person sich mir mal als Mann und mal als Frau gezeigt hat und ich nicht weiß, wie die Person sich selbst bezeichnet.
  3. Wenn ich einen Bericht nacherzählen möchte, der in geschlechtsneutraler Sprache geschrieben ist.
  4. Wenn ich dasGeschlecht der Person vergessen habe.
  5. Wenn die Person weder das männliche noch das weibliche Geschlecht hat.
  6. Wenn ich potentiell jeden Menschen meine, egal welchen Geschlechts.

Die Situationen, die Lena beschreibt, kommen mir bekannt vor. Mir geht es oft auch ähnlich. Eigentlich habe ich vier Gründe dafür, Pronomen ohne Geschlecht zur Verfügung haben zu wollen:

Grund 1

Ich finde das generische Maskulinum, also die Verwendung der maskulinen Form als der allgemeinen, sexistisch. Frauen seien bei männlichen Formen mitgemeint, aber in den Köpfen funktioniert das nicht. Bei Pronomen wäre die Mehrzahl geschlechtsneutral, aber in der Einzahl brauche ich eine neutrale Alternative.

Grund 2

Als geschlechtsneutrale Selbstbezeichnung für Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen wollen oder können. Pronomen ohne Geschlecht können für Menschen abseits der beiden Pole weiblich und männlich zu mehr Sichtbarkeit führen.

Grund 3

Ich will mich mit Pronomen auf die Substantive ohne Geschlecht beziehen, die es schon gibt.

Grund 4

Außerdem erleichtern sie die Übersetzung von Texten aus anderen Sprachen, wenn dort geschlechtsneutrale Pronomen verwendet werden.

Jedoch

Manchmal benutze ich eben keine Pronomen ohne, sondern die mit Geschlecht. Zum Beispiel in Bezug auf individuelle Menschen, von denen einige hart für die Benutzung ihres Pronomens gekämpft haben, später mehr zum Thema Selbstbezeichnung.

Ich denke, geschlechtsneutrale Sprache führt nicht automatisch zu Geschlechtergerechtigkeit in einer Gesellschaft. Bei feministischem Aktivismus stehen Geschlecht und die Unterdrückung von Frauen im Mittelpunkt. Wenn ich Ungerechtigkeit bekämpfen möchte,muss ich sie auch beschreiben können. Dafür brauche ich geschlechtsspezifische Sprache.Wenn Geschlecht keine Rolle spielt, werde ich geschlechtsneutrale Sprache benutzen.

Schwedisch und Englisch

Auf englisch

Pronomen ohne Geschlecht kenne ich im Englischen schon viele Jahre. Es gibt zwei geschlechtsspezifische Pronomen der 3. Person Singular, she und he. Versuche, das generische Maskulinum, also die mitmeinende Verwendung, mit einem geschlechtsneutralen Pronomen zu ersetzen, gab es schon 1850. Dabei existierte das they im Singular schon viel länger [4] in der englischen Sprache. In der Literatur [5] werden they, them, themselves und their schon seit den 1300 Jahren auch benutzt um eine einzige Person zu beschreiben. Die Wörter werden traditionell benutzt wenn nicht weiter bestimmt ist, wer diese Person ist.

Außerdem gibt es zahlreiche neuerfundene Pronomen ohne Geschlecht. Ein Beispiel dafür sind ze und hir. Ze, gesprochen wie in dem Wort New Zealand, wird anstelle von she|he benutzt. Hir, gesprochen wie in here, ersetzt her|his und hirself ersetzt herself|himself.

Ze hirself calls hir friend. (deutsche Übersetzung: Sie|er ruft ihren|ihre|seine|seinen Freundin|Freund selber an.)

In Schweden

In Schweden wurde 2009 ein geschlechtsneutrales Pronomen in die schwedische Nationalenzyklopädie aufgenommen. Es gibt zusätzlich zu hon (sie) und han (er) das geschlechtsneutrale Pronomen hen. Das neue Wort stand schon drei Jahre in der schwedischen Nationalenzyklopädie, als es 2012 in die Schlagzeilen kam, weil Jesper Lundqvist es in einem Kinderbuch [6] verwendet hatte.

Fünf verschiedene Pronomen

Es geht um diei Grammatik

Ich zeige euch jetzt fünf wichtige Pronomen. Damit ihr wisst um welche Pronomen es geht und was ihre Funktion ist, beginne ich mit kurzen Definitionen. Ein Pronomen, auch Fürwort genannt, steht stellvertretend für ein Substantiv.

Personalpronomen haben, je nach Fall [7], verschiedene Endungen. Das gleiche gilt für Artikel und Relativpronomen. Bei Possessivpronomen ist die Endung zusätzlich vom Genus [8] eines anderen Substantivs abhängig. Das macht sechzehn verschiedene Endungen. Es folgen Beispiele und Übersichten der Endungen der Pronomen ohne Geschlecht.

Personalpronomen

= persönliches Fürwort

Ich habe einen Koffer.

Possessivpronomen

= besitzanzeigendes Fürwort

Mein Koffer ist groß.

Relativpronomen/Demonstrativpronomen

= bezügliches Fürwort / = Artikel = hinweisendes Fürwort

Der Koffer, den ich mitgebracht habe, ist rot.

Interrogativpronomen

= Fragewort = fragendes Fürwort

Wer ist im Koffer?

Personalpronomen : xier

Ein Personalpronomen ist kurz und ersetzt das Substantiv in einem Satz. Damit werden Texte angenehmer und übersichtlicher zu lesen.

Zu den Personalpronomen mit Geschlecht, sie und er, kommt das Personalpronomen ohne Geschlecht, xier. Das x (Iks) am Anfang der Pronomen betont, dass das Pronomen für alle gilt und nicht nur für Frauen und Männer. Wie das Sternchen, *, ist es ein Platzhalter, der für vielfältige Möglichkeiten steht. Das Pronomen und alle folgenden werden mit ie geschrieben, damit eindeutig ist, wie es ausgesprochen werden soll, nämlich mit langem i-Laut. Seine Endung in den vier verschiedenen Fällen orientiert sich an den entsprechenden Fragewörtern, wer, wessen, wem und wen. Wenn ich die neuen Wörter im richtigen Fall benutzten möchte, muss ich am Anfang sowieso mit dem Fragewort fragen, um welchen Fall es sich handelt. So hab ich es in der Schule gelernt.

  1. Nom. Wer schreibt? Xier schreibt.
  2. Gen. Wessen schäme ich mich? Ich schäme mich xies.
  3. Dat. Wem gehört das? Das gehört xiem.
  4. Akk. Wen brauchst du? Du brauchst xien.

Die femininen Personalpronomen in der dritten Person, sie|ihrer|ihr|sie, und die maskulinen, er|seiner|ihm|ihn, werden um xier|xies|xiem|xien ergänzt.

Fälle: 1. Nom. 2. Gen. 3. Dat. 4. Akk.
Personalpronomen xier xies xiem xien

Possessivpronomen

Mit dem Possessivpronomen wird Besitz oder Zugehörigkeit ausgedrückt. Die Endung hängt sowohl vom Genus der besitzenden als auch der zugehörigen Person ab. Der Wortstamm, xies_, des Possessivpronomens ohne Geschlecht ist wie bei den beiden herkömmlichen Formen an den Genitiv des Personalpronomens angelehnt. Die Endungen sind dieselben, die sonst angehängt werden, je nachdem ob das, was jemand besitzt, grammatikalisch feminin, maskulin oder neutral ist.

Zum Beispiel: Xier ruft noch xiese Freundin und xiesen Freund.

Außerdem kommt es vor, dass es sich eben nicht um xiese Freundin oder xiesen Freund, sondern um Freund* oder FreundIn handelt [9]. Deshalb sind zusätzlich Endungen für Subjekte ohne Geschlecht definiert. _er| _es| _em| _en leiten sich wieder von den Fragewortbestandteilen ab. Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht aller möglichen Wortstämme und aller Endungen:

Beschreibung: Der Stamm entspricht dem Genus der Person, zu der etwas/jemand gehört. Die Endung entspricht dem Genus der Person, die zugehörig ist
Fall: 1. Nom. 2. Gen. 3. Dat. 4. Akk.
herkömmlich: ihr_

sein_

sein_

_e

_

_

_er

_es

_es

_er

_em

_em

_e

_en

_

alternativ: xies_ _er _es _em _en

Alle Endungen werden nach Bedarf mit allen Wortstämmen kombiniert.

Eine Alternative ist die Verwendung eines anderen Vokals in den alternativen Endungen. Damit wäre diese stärker von den maskulinen Endungen abgegrenzt. Zwei Beispiele sind:

_ir| _is| _im| _in (zum Beispiel: Ich gebe es xiesim Freund*)

_ör| _ös| _öm| _ön (zum Beispiel: Ich gebe es xiesöm Freund*)

Beispielsätze zeigen wie die Kombination aller Endungen mit dem alternativen Wortstamm xies_ funktioniert:

  1. Nom. Xieser Freund*, xiese Freundin, xies Freund und xies Kind schreiben.
  2. Gen. Xier schämt sich xieses Freund*, xieser Freundin, xieses Freundes und xieses Kindes.
  3. Dat. Das gehört xiesem Freund*, xieser Freundin, xiesem Freund und xiesem Kind.
  4. Akk. Xier sucht xiesen Freund*<, xiese Freundin, xiesen Freund und xies Kind.

Auch Pronomen wie mein und euer bekommen in Bezug auf Substantive ohne Geschlecht neue Endungen. Auch hier würden andere Vokale zur besseren Unterscheidung von den maskulinen Formen führen.

  1. Nom. Meiner Freund* und eurer FreundIn schreiben.
  2. Gen. Du schämst dich meines Freund* und eures FreundIns.
  3. Dat. Das gehört meinem Freund* und deinem FreundIn.
  4. Akk. Wir suchen ihren Freund* und unseren FreundIn.

Artikel und Relativpronomen

Dier ist ein Artikel und kann auch als Relativpronomen für Nebensätze benutzt werden. Seit ich in Süddeutschland lebe, benutze ich Artikel vor Namen, wenn ich über Menschen rede. Ich mag es, weil es Nähe zu der Person ausdrückt und es klingt in meinen Ohren freundlicher. Aber es bedeutet auch, dass bei jeder Erwähnung eines Namens noch mal klargestellt wird:

Die Susanne ist eine Frau.
Der Peter ist ein Mann.

Die bestimmten Artikel gibt es in vier Fällen, die|der|der|die und der|des|dem|den. Die geschlechtsneutralen bestimmten Artikel, dier|dies|diem|dien, werden aus dem Wortstamm die_ und dem entsprechenden Fragewortbestandteil gebildet.

Mit Relativpronomen werden Nebensätze eingeleitet. Die Relativpronomen ohne Geschlecht richten sich einfach nach den bestimmten Artikeln ohne Geschlecht.

  1. Nom. Dier Jona schreibt. Jona, dier schreibt, …
  2. Gen. Ich schäme mich dies Peters. Peter, dies ich mich schäme, …
  3. Dat. Das gehört diem Sarah. Sarah, diem das gehört, …
  4. Akk. Du brauchst dien Sascha. Sascha, dien ich brauche, …
Fälle: 1. Nom. 2. Gen. 3. Dat. 4. Akk.
Personalpronomen dier dies diem dien

Die grammatikalischen Geschlechter

Ich habe mich schon einige Male auf das generische Maskulinum bezogen. Das liegt vor, wenn männliche Bezeichnungen oder Pronomen auch zur Bezeichnung von gemischten Gruppen verwendet werden oder allgemein von Menschen gesprochen wird, z.B. die Zauberer. Das generische Maskulin wird auch in der Einzahl verwendet, wenn eine nicht näher bestimmte Person gemeint ist, z.B. Zauberer gesucht.

Die Frauen seien bei der Verwendung dieser Form mitgemeint. Studien haben jedoch gezeigt, dass Menschen beim Lesen oder Hören des generischen Maskulinums, Frauen oft nicht mitdenken. Das passiert, obwohl grammatikalisches Geschlecht (Genus) und natürliches Geschlecht [10] (Sexus) im Deutschen unabhängig voneinander gelten. Es gibt bisher drei Genera:

  • Femininum
  • Maskulinum
  • Neutrum

Lena Schimmel [3] hat zwei weitere grammatikalische Geschlechter vorgeschlagen: ein allgemeines Genus, genannt Generikum und ein weiteres Genus, das Anderum, für alle jenseits von männlich und weiblich:

[…denn es gibt Menschen, die weder weiblich noch männlich sind und die (völlig zu recht) ihr Geschlecht dennoch als etwas eigenständiges ansehen…]

Ich finde die Unterscheidung dieser beiden Formen sehr wichtig. Ich will angelehnt an die Namen der bestehenden Genera zwei andere Bezeichnungen vorschlagen:

  • Aliudum (von aliud , lateinisch für ‚etwas anderes‘)
  • Generalium (von generalis, lateinisch für ‚allgemein‘)

Das herkömmliche Symbol für das Neutrum ist ein Kreis. Für das Femininum wird ein Kreis mit unten angehängtem Strich und einem Querstrich über den Strich verwendet. Das Maskulinium wird mit einem Kreis von dem ein nach rechts oben zeigenden Pfeil abgeht, symbolisiert. Für das neue Genus, Aliudum, schlage ich ein neues Symbol vor und zwar ein Kreis von dem ein Strich nach links oben weggeht, der mit einem Stern bestehend aus zwei zusätzlichen Strichen endet. Das neue Genus, Generalium, bekommt einen Kreis mit Strich nach unten und Querstrich, mit Pfeil nach rechts oben und Strich und Stern nach links oben. Zusätzlich befinden sich zwischen diesen Elementen noch kürzere Striche am Kreis um noch mehr Vielfalt zu symbolisieren.

Abbildung eines Koffers in dem sich die Symbole der Genera Neutrum, Femininum, Maskulinum, Aliudum und Generalium befinden.

Die Pronomen ohne Geschlecht können sowohl für Aliudum als auch für Generalium verwendet werden und das kann sich ja noch ändern.

Substantive

Einführung

Da ich 2009 schon einige Arten kannte, Substantive mit vielen Geschlechtern und Substantive ohne Geschlecht zu bilden, habe ich keine neuen erfinden wollen. Die zwei Formen mit Platzhaltern gefallen mir sehr gut. Diese Substantive benötigen geschlechtsneutrale Pronomen und waren einer der Gründe, die alternativen Pronomen zu entwickeln.

Danach werde ich kurz das BinnenI und die Sylvain-Konvention [11] mit seinem neuen Genus, dem Indefinitivum vorstellen.

Der Gender_gap

Der Unterstrich, auch gender gap [12] genannt, ist wie ein kleiner Graben zwischen dem Stamm und der Endung des Wortes. Im Graben zwischen den beiden ist zusätzlicher Platz. Dieser Zwischenraum steht symbolisch für die Vielfalt neben der maskulinen und femininen Form. Wobei zumeist das Wort vor dem Unterstrich dem Maskulinum entspricht und alles nach dem Unterstrich der Endung im Femininum entspricht.

Dier Zauber_in nimmt xiesen Hut ab.

Der Unterstrich funktioniert auch bei anderen Wortarten.

Das Sternchen

Außerdem gibt es das Sternchen, *, das an Stelle der Endung an Wörter gehängt werden kann. Auch der Stern drückt Vielfalt aus und ist an die Verwendung des * bei Suchfunktionen angelehnt.

Dier Zauber* nimmt xiesen Hut ab. (Zauber* wird als Zauberstern gelesen.)

Das BinnenI

Dann gibt es noch das BinnenI, was mittlerweile gut verbreitet ist und in offiziellen, geschlechtergerechten Texten und in Zeitungen verwendet wird. Es wird seit Anfang der 1980er Jahre benutzt. Wenn es mit der Mehrzahl benutzt wird, sind keine besonderen Pronomen und keine neuen grammatikalischen Strukturen notwendig. In der Einzahl können auch Buchstaben in anderen Wörtern groß geschrieben werden.

Die ZauberInnen nehmen ihren Hut ab.

DiEr huttragendeR ZauberIn nimmt den Hut ab.

Beim BinnenI wird kritisiert, dass es die Aufteilung der Menschen in zwei Geschlechter verstärkt und keinen Platz für alle anderen hat. Mittlerweile bevorzug ich das BinnenI weil es sich gut mit Screenreadern lesen lässt. „Platz für mehr“ ist bei den Wörtern mit BinnenI und Co akkustisch gegeben, nicht visuelle wie beim Gendergap.

Die Sylvain-Konvention

Das Indefinitivum der Sylvain-Konvention stellt einen kompletten Satz neuer Endungen für eine Vielzahl von Wörtern zur Verfügung. Den Hintergrund zum Indefinitivum und seine Pronomen findet gibt es im Kapitel Was andere machen .

Din Zaubernin nimmt nimsen Hut ab.

Was andere machen

In den letzten Jahren habe ich immer wieder nach Menschen gesucht, die sich auch mit geschlechtsneutralen Pronomen beschäftigen. Es gibt da mittlerweile Einige. Ich will einige Möglichkeiten hier im Vergleich darstellen. So stehen die verschiedene Formen nebeneinander und ihr könnt die für euch passende aussuchen.

Xier Pronomen

Hier die neuen Pronomen in einer Übersicht zum Vergleich, jeweils in allen vier Fällen:

Personalpronomen Artikel Possessivpronomen [13]
xier xies xiem xien dier dies diem dien xieser xieses xiesem xiesen

Experimentierwerkstatt

Ein Satz Pronomen ging aus einer Experimentierwerkstätte auf der Trans*Tagung Berlin, 2007 hervor [14]:

nin Gen. nim nin din dine dim dinen nims nimses Dat. Akk.

Sylvain-Konvention

Die Pronomen aus der Experimentierwerkstatt wurden in der Sylvain-Konvention weiterentwickelt und mit diesem Namen in einem Science-Fiction Roman <a title=“Cabala de Sylvain, Wandelnde – Jungle Juice, Manuskript.“ href=“#Referenz“>[15] verwendet. Das neue grammatikalische Geschlecht, das Infinitivum, ist auch eine Kombination aus Generalium und Aliudum. Die Grammatik [11] ist umfangreicher als die folgenden Beispiele:

nim nimser nim nin din dins dim din nimsin nimsins nimsem nims

High on Clichés

Esme Grünwald überlegt sich immer dann neue Pronomen, wenn sie* die für einen Text in ihrem* Blog, High on Clichés, benötigt. Im Glossar des Blogs[16] finden sich eine Vielzahl unterschiedlicher Pronomen, die so seit 2011 entstanden sind. In der folgenden Übersicht habe ich nur die Pronomen aufgeführt, die meinen eigenen entsprechen. Im Relativsatz wird di:er übrigens zu ki. Außerdem bleiben Lücken, wo Esme Grünwald eben die Pronomen noch nicht brauchte.

hän sires sim sin di:er desren Dat. Akk. sir sires sirem siren

Christian Siefkes

Weil das in einem utopischen Text[17] besser passt, benutzt Christian Siefkes nicht nur geschlechtsneutrale Pronomen, sondern eine umfangreiche neue Grammatik:

sei seis seim sei die der der die Nom. Gen. Dat. Akk.

Fremdbezeichnung oder Selbstbezeichnung

Auf der einen Seite können Pronomen ohne Geschlecht als Generalium benutzt werden. Dann gelten sie für alle und jeden und bieten einige Vorteile was Verständlichkeit und Gerechtigkeit angeht, im Gegensatz zum generischen Maskulinum.

Auf der anderen Seite können sie als Aliudum als Selbstbezeichnung für Menschen dienen, die zwischen den Geschlechtern stehen. Wenn ich weder sie noch er für mich benutzen möchte, kann xier oder ein anderes Pronomen ohne Geschlecht eine Alternative sein.

Hierbei ist wichtig zu beachten, dass es dabei um eine Selbstbezeichnung geht, die sich einzelne Menschen selbst geben. Ich finde es wichtig, die Selbstbezeichnungen von Menschen zu respektieren, gerade in Bezug auf ihre bevorzugten Pronomen.

Es geht zum Beispiel nicht darum, ein Pronomen speziell für Menschen auf dem Trans*Spektrum zu erstellen. Es gibt Menschen, die bewusst zwischen den beiden Geschlechtern, männlich und weiblich, stehen und das auch sprachlich ausdrücken wollen, aber andere Menschen mussten gerade für die Benutzung ihres geschlechtsspezifischen Pronomens kämpfen und sollten mit dem auch angesprochen werden. Bei Pronomen muss ich eben vorher nachfragen, statt nach meinem Gutdünken ein Pronomen auszuwählen, das wäre eine Fremdbezeichnung.

Und weiter

Wenn es alle beiden Arten von Pronomen ohne Geschlecht gäbe, Generalium und Aliudum, wäre meine Zukunftsvision, das Generalium grundsätzlich für alle zu verwenden, es sei denn ich spräche über Situationen, wo die Angabe des Geschlechts einer oder vieler Personen wichtig ist. Dann würde ich Femininum, Maskulinum oder Aliudum benutzen.

Ich denke, Sprache hat Macht. Veränderte Verhältnisse brauchen eine neue Sprache. Sprache ist jedoch nicht nur ein Spiegel der Verhältnisse, sondern schafft auch neue Wirklichkeiten. Und ich genieße den Raum, den mir xier, dier und xieser geben. Und ich freue mich, wenn es anderen auch mehr Platz schafft.

Andrzej hat in xierem tollen Zine Pronomen ohne Geschlecht benutzt [1]:

[… Als jemand, dier sich viel in queerfeministischen Kontexten aufhält, schien es mir …]

Rae Spoon ist MusikerIn, SchriftstellerIn und macht Workshops. Xier benutzt in xieser Muttersprache, Englisch, das geschlechtsneutrale Pronomen they. Ich mag xiese Musik und vor allem die Art, wie xier schreibt. Die Musikzeitschrift Visions[18] schreibt über xien:

[…Rae Spoon mag lieber they und hat für unseren Artikel die deutsche Version xier abgenickt, die von Illi Anna Heger stammt, aber lange noch nicht etabliert ist…]

Ob sich xier, dier und xieser etablieren oder andere Pronomen ohne Geschlecht, ich hoffe, dass sich Pronomen ohne Geschlecht so weitläufig wie das BinnenI ausbreiten werden.

Ich freue mich auch über Anregungen, Links zu anderen deutschen geschlechtsneutralen Grammatiken. Wenn ihr xier, dier und xieser verwendet, schickt mir doch euer Feedback.

Abspann

Xier packt xiesen Koffer
Transkription des ComicZineHeftchen über Pronomen ohne Geschlecht
Pronomen ohne Geschlecht Version 3.2

Text: Illi Anna Heger
Lektorat: Doro Hugle, Benedikt Wolf, Noah Munier, Miri

Fußnoten und Quellen

[1] Wer „A“ sagt muss nicht „B“ sagen – Ein sexpositives Zine über A_sexualität, asexyqueer.blogsport.de/.

[2] In eckigen Klammern befindet sich die Lautschrift mit dem Internationalen Phonetischen Alphabet, IPA. Damit können Laute und Klänge fast aller Sprachen beschrieben werden.

[3] Geschlechtsneutrale Sprache als Chance betrachten statt als Zwang, Lena Schimmel, 2012, www.lenaschimmel.de/neutral.

[4] A General & Specific Discussion – of Gender-Neutral Alternatives to Gendered Pronouns, John Williams, Including Answers to Frequently Asked Questions, Version 0.9.13-30 April, 2004, www.aetherlumina.com/gnp/history.html .

[5] They with Singular Antecedent, American Heritage Book of English Usage: A Practical and Authoritative Guide to Contemporary English, 1996. (via en.wikipedia.org).

[6] Kivi och Monsterhund, Jesper Lundquist, Bettina Johansson, Olika Förlag, 2012.

[7] Die vier Fälle sind Nominativ (1.), Genitiv (2.), Dativ (3.) und Akkusativ (4.).

[8] Genus ist das Fachwort für das grammatikalische Geschlecht eines Wortes, z.B. Femininum.

[9] Freund* oder Freund_in sind Substantive ohne Geschlecht, beziehungsweise mit vielen oder allen Geschlechtern.

[10] Konzepte wie „natürliches Geschlecht“ sind mit Vorsicht zu genießen.

[11] Die Sylvain-Konventionen – Versuch einer geschlechtergerechten Grammatik – Transformation der deutschen Sprache, Cabala de Sylvain, Carsten Balzer, Liminalis, 2008, www.liminalis.de/2008_02/Liminalis-2008-Sylvain-Balzer.pdf .

[12] Performing the Gap – Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung, Steffen Kitty Herrmann, arranca! Nr.28, www.arranca.org/ausgabe/28/performing-the-gap .

[13] Hier nur solche Possessivpronomen, die sich auf ein Objekt ohne Geschlecht beziehen.

[14] via Lieb[schtean] Les[schtean], [schtean] du das gerade liest…, Persson Perry Baumgartinger, Liminalis, 2008, www.liminalis.de/2008_02/Liminalis-2008-Baumgartinger.pdf .

[15] Cabala de Sylvain, Wandelnde – Jungle Juice, Manuskript.

[16] Esme Grünwald, Glossar, High on Clichés, highoncliches.wordpress.com/glossar/

[17] Freie Quellen oder wie die Produktion zur Nebensache wurde, im Sammelband Etwas fehlt Utopie, Kritik und Glücksversprechen, Christian Siefkes, jour fixe initiative berlin (Hg.), edition assemblage, Münster, 2013, www.keimform.de/2013/freie-quellen-1/ .

[18] Gender Special – M & F und alle, die wir kennen, Visions – Musik aus Leidenschaft, Nr. 232, 2012, www.visions.de/ , Gender-Special_1.pdf

Comiczine Version mit Illustrationen: Xier packt xiesen Koffer

Visuelles Comiczine Xier packt xiesen Koffer.

13 Gedanken zu „Artikel : Pronomen ohne Geschlecht 3.2

  1. Anna Heger sagt:

    Hallo Robin,
    danke für deinen Kommentar. Die Pronomen in der oben stehenden Version gibt es schon fast ein Jahr, aber ich diskutiere sie gerne.

    Das Pronomen xier ist aus einer Kombination von sie und er entstanden. Der Stamm ist von dem Wort sie und die Endung von dem Wort er, das zieht sich durch die gesammte Grammatik. sier wurde auf xier geändert, damit es keine Verwechslung mit anderen Wörtern im Sprachfluss gibt, aber auch noch aus anderen Gründen (siehe oben). Vielfach wird geäußert, dass die neuen Pronomen zu stark an die herkömmlich männlichen Version angeleht sind. Das kann ich nachvollziehen, aber es hilft auch sie schnell zu lernen. Es überrascht mich, dass du bei der Benutzung von xier, an sie erinnert wirst.

    Ansonsten wird xie allein eigentlich überhaupt nicht verwendet, das ist nur der Wortstamm der noch die Endung bekommt.

    Dein Ansatz mit sei interessiert mich. Verzichtest du auf Endungen bei der Benutzung. Hast Du andere Endungen als ich? Ich würde mich über eine Übersicht oder einen kleinen Beispieltext freuen.

    Im Englischen mit dem they ist es ja viel einfacher weil es keine Abhängikeit von Fällen gibt. Ich habe selber überlegt, ob ich nicht einfach das Plural sie verwenden will. Wie im Englischen würden dann auch die Verben im Plural stehen und die Verwechslung mit dem Singular sie wäre gar nicht so gross. Klingt halt ein bischen oberhöflich im Deutschen.

  2. Robin sagt:

    Ich weiß, der Eintrag ist schon eine Weile her, aber ich wollte mal mein Problem mit xie schildern.
    Kurz zur Erklärung, ich bin Agender und bevorzuge deshalb geschlechtsneutrale Pronomen. Ich möchte xie aber nicht nutzen, weil es einfach zu sehr nach sie klingt, wegen dem ks-Laut am Anfang. In Konversationen geht das x dann unter, die Menschen nutzen dann trotzdem sie (weil sie es eben so verstehen), ich muss das dann erst ewig verbessern…
    Als Alternative bin ich deshalb auf sei umgestiegen. Erstmal klingt das dem englischen They sehr ähnlich, was zumindest in meinem persönlichen Umfeld bekannt ist, und dadurch, fällt der Umgang mit sei auch leichter.
    Ich finde xie deshalb nicht schlecht, und wenn das ein Mensch für sich bevorzugt, benutze ich das natürlich auch, aber für mich passt es eben nicht

  3. Joachim Losehand (@losehand) sagt:

    Drei bitte konstruktiv zu verstehende Anmerkungen:

    Die Bezeichnungen “Aliudum” und “Generalium” sind aus der Quellensprache Latein falsch gebildet.
    – “Aliud” ist selbst schon Neutrum Sg. nach der pronominalen Deklination und bildet darum keine “um-Form” (gemäß o-Deklination).
    – “Generalium” ist die Form für den Genetiv Plural (n./f./m.), die analog richtige Forum ist “Generale” (Neutrum Sg.).
    Grammatikalisch richtig sind also die Geschlechter “Femininum, Neutrum, Masculinum, Aliud, Generale” (= alle 1. Fall Neutrum Singular).

    Nebenbei vermisse ich einen Verweis auf das im Skandinavischen bekannte “utrum” (“jedes von beiden”), das in gewisser Weise das “Indefinitivum” der Sylvain-Konvention aktiv verwendet, ohne damit natürlich ident zu sein.

    Der Voschlag, die Pronomen neu mit dem ja eigentlich fremdsprachigen Buchstaben “X” am Anfang zu bilden, also dem ks-Laut bzw. gs-Laut – stets in Kombination mit hellen Vokalen, halte ich persönlich für wenig überzeugend und erfolgversprechend, sowohl als phonetischen Gründen, wie auch aus aus sprachhistorischen. Das Deutsche bildet regelmäßig keine Wörter mit beginnenden ks- bzw. gs-Lauten, afaik mit Ausnahme im Mittelbairischen, wo wir “Gsell” und “Gselchts” kennen, wobei allerdings in der gesprochenen Sprache das geschriebene “e” elidiert wird (vgl. “Gfoa” für “Gefahr”).

    (Auch der Vorschlag, “Zauber*” als “Zauberstern” zu lesen, dreht das übliche Verhältnis um, denn Abkürzungen und abkürzende Zeichen wie das “&” für “und” (aus “et”) entstehen aus Langformen.)

    • AnnaHeger sagt:

      Hallo Joachim,
      es fällt mir nicht schwer die Anmerkungen als konstruktiv zu verstehen. Dank Dir für Deine Mühe. Hier meine Überlegungen dazu.

      Den Hinweis wegen der falschen lateinischen Herleitung habe ich zur Seite Neuerungen hinzugefügt. Utrum scheint eine gut Bezeichnung für den allgemeinen Fall darzustellen. Es muss sich zeigen ob da Menschen die weder weiblich noch männlich sind auch damit gemeint sind, weil es sich ja nur auf „beide“ also männlich und weiblich bezieht. Ich habe noch keine Idee für einen Ersatz vom Aliudum. Ein richtige Bezeichnung mit der Endung -um würde ich Aliud vorziehen.

      Ich sehe nicht wieso „x“ ein fremdsprachlicher Buchstabe sein sollte auch wenn er eher im Wortinnerern als am Wortanfang verwendet wird. Eben weil er selten am Anfang benutzt wird, eigenet er sich meiner Ansicht gut für ein neues Pronomen. Das x hat wie im Zine beschrieben noch andere Vorteile. Sehr oft wird im schweizerdeutschen natürlich auch noch gsii (= gewesen, gesproch [ksi:]) verwendet.

      Du hast, wie ich herauslese, einen solideren sprachwissenschaftlichen Hintergrund als ich. Vielleicht magst Du eine Alternative für den Stamm der neuen Pronomen vorschlagen. Einen, der mit hellen Vokalen funktioniert und sich phonetisch und sprachhistorisch besser einpasst. Das würde mich interessieren, schreib doch hier oder per Email.

      Zauber* wird schon als Substantiv mit vielen Geschlechtern verwendet und auch „Zauberstern“ ausgesprochen. Bei Gelegenheit kuck ich mal ob ich da ein Zitat/Quelle finden kann. Je nach Kontext funktioniert das auch sehr gut. Es ist aber kein Vorschlag von mir.

      • Joachim Losehand (@losehand) sagt:

        Hallo Anna,
        1) Begriffe auf „-um“ würde ich nicht dezidiert suchen, wenn es gute in anderen Deklinationen gibt. Wir sagen ja auch nicht in der Grammatik „Pronominum“, „Nominum“, weil es lat. „pronomen“ und „nomen“ heißt (3. Deklination Neutrum auf „-men“). Latein ist ja nicht alles, was auf us, a, um endet … 🙂
        2) Das Utrum wird als grammatikalisches 3. Genus verstanden, bei dem das Geschlecht des Begriffs wie das des Bezeichneten offen bleibt, jedoch natürlich ein Zwei-Geschlechter-System inkl. „keines von beiden“ voraussetzt. Utrum = bezeichnet sowohl Weibliches wie Männliches wie keines von beiden (= Neutrum = Ne-Utrum). „Kind“ wäre eine geeigneter Anwendungsfall.

        3) Das „X“ ist vom Altgriechischen über das Lateinische zu uns gekommen, hat dort teilweise gs- und cs-Doppelkonsonanten ersetzt (X gesprochen wie Ksi) und ist dann zu uns weitergewandet. Siehe auch später „Hexe“ aus „hag~“/“heg~“/“haeg~“ Afaik ist das „X“ am Wortanfang immer Hinweis auf ein orig. griech. Fremdwort.

        4) Ich glaube nicht, daß die Einführung neuer kompletter Pronomen-Deklinationen ins Deutsche überhaupt ein erfolgversprechendes Projekt ist, was vor allem daran liegt, daß solche grundlegenden Sprachreformen von allen Nationalstaaten und Dialektgruppen (hochdeutsche im Süden, niederdeutsche im Norden) einhellig mitgetragen werden müssen. Sprachreformen sind ja historisch eher Projekte von Nationalstaaten zur inneren und äußeren Stärkung und das Deutsche wird in 5 Staaten Mitelleuropas gesprochen. Ob nach den Erfahrungen der Neuen Deutschen Rechtschreibreform von 1996ff. und der nach wie vor breiten Ablehnung und dem faktischen Wildwuchs (alle schreiben wieder wie zu Goethes Zeiten – wie sie wollen) das ein die Anstrengung lohnendes Unterfangen ist, wage ich zu bezweifeln.

        Denkbar und reizvoll hielte ich aber die Einführung eines weiteren 4. Genus – Utrum (u.) oder Aliud (a) – in bestehende Deklinationen, wo aktuell nur zwischen f./m. und n. unterschieden wird, d.h. im Singular d. 3. Person und einen Rückgriff auf bereits (in deutschen Dialekten) bestehende und darum z. T. vertraute Formen.

        Bspw. bei Personalpronomen neu: „er/sie/se/es“, bei Possessivpronomen neu: „seiner/ihr/ihrer/sein“. Beispiel: „se (u.) ist seiner (m.) Freund“.
        … und eine Anpassung, bei unbestimmten Artikeln: „einer/eine/ein/ein“: „einer Mann“ [m.] anstelle von „ein Mann“, „ein“ sowohl für Utrum/Aliud als auch Neutrum.
        … bei bestimmten Artikeln: „der/die/des/das“ wobei „des“ = Utrum/Aliud.

        (Die „neuen“ Formen „se“ – langes „es“ -, „seiner“ und „des“ – langes „e“ – habe ich aus dem Mittelbairischen entnommen.)

        Grüße, Joachim.

    • Anna Heger sagt:

      @Joachim

      1+2
      Ich bevorzuge eine Endung mit -um, weil es für Menschen, die nicht so in Grammatikthemen drinstecken die Zuordnung zu Femininum und Maskulinum erleichtern. Das Utrum als Gegenteil von Neutrum und somit für belebte Substantive gefällt mir schon auch, eben als Ersatz des Generalium. Vielleicht magst du mir eine Alternative für Aliudum vorschlagen, die (diesmal) grammatikalisch richtig hergeleitet auf -um endet. Bin nicht genug bewandert im Latein um das zu machen.

      3
      Cool, danke für den Input.

      4
      Bei dem was ich hier mache geht es ja nicht um eine von oben verordneten Sprachreform, sondern eher darum ein System für Leute vorzustellen, die Bedarf nach Aliudum und Generalium haben. Das ist eine Einführung von unten. Statt um die Stärkung des Nationalstaates (ne darum gehts echt nicht) geht es mir um die Stärkung von all denen die mit den herkömmlichen Pronomen nicht beschreiben lassen (wollen).

      5 : aus dem mittelbayrischen
      Danke für den neuen Ansatz. Das sieht interessant aus, weil sich se gut zu er, es und sie einfügt, es ist vielleicht vom Klang zu nah am sie. Es käme drauf an wie die verschiedenen Fälle umgesetzt werde. Was die Possessivpronomen angeht, reicht es nicht eine neue Endung zu haben, auch der Stamm muss sich beim 4.Geschlecht unterscheiden sonst funktionieren die Bezüge nicht. Das klappt bei deinem Beispiel nicht eindeutig. Der Stamm bezieht sich auf die besitzende Person und die Endung auf die Person die sie besitzt.

  4. sakura sagt:

    Ich mag geschlechtsneutrale Sprache, aber ich habe immer ein ungutes Gefühl dabei. Genau wie bei gegenderter Sprache. Ich wurde den größeren Teil meines Lebens falsch gegendert. Dass das jetzt nicht mehr so ist, ist mir sehr wichtig, und geschlechtsneutrale Bezeichnungen sind definitiv auch falsches Gendern für mich. Im Prinzip ist Xier für mich wie die softere Variante des Sachlichen (also das, es) oder der sachlichen Form. Und das ist für mich, und die meisten Menschen die eine ähnliche Geschichte haben wohl auch, einfach mal eher eine Beleidigung. Daher habe ich meine Versuche mit geschlechtsneutraler Sprache schnell wieder aufgegeben, und ich verwende in Momenten in denen ich auf Sprache achte das generische Femininum. Das geht auch leichter.
    Es sollte vielleicht eine allgemeine Form geben, in der Geschlecht keine Rolle spielt, und eine geschlechtsneutral gegenderte, also für Leute die größtenteils nicht Frau, Mann, Junge, Mädchen oder mehreres davon sind. Damit käme ich gut klar, abgesehen von dem Punkt dass ich nicht Grammatik-Nerdin (^^) genug bin um so komplizierte Sprache wirklich nutzen zu können.

    • Anna Heger sagt:

      Hallo Sakura,

      wenn Du ein herkömmliches Pronomen hast, dass dich gut beschreibt, sind xier, xieser und dier nicht für dich gemeint (siehe Zine S. 24), ausser wenn allgemein über einen einzelnen Menschen gesprochen wird und kein Geschlecht festgelegt werden kann (siehe Zine S.19). Viele Menschen wollen nicht geschlechtsneutral gegendert werden. Bei denen mache ich es nicht. Schau doch nochmal die beiden Seiten im Zine an, da werden genau die von dir angesprochenen Themen behandelt und ich denke, in deinem Sinne.

      Ich benutze das generische Femininum auch, aber eher um etwas aufzuzeigen. Ich würde lieber eine generische Form ohne Geschlecht oder mit vielen Geschlechtern verwenden.

  5. Project Enigma sagt:

    Hallo!

    Ich verfolge sowohl Deine Comic(Zines) als auch Deine Ideen zum indefinitiven/… Pronomen schon ne Weile.

    Was mich hier noch etwas irritiert ist:

    1. Es fehlt an echten Demonstrativpronomina. Wir haben ja an herkömmlichen deiktischen Pronomina zum einen das einfache, was auch Artikel und Relativpronomen ist (der/die/das/…), zum anderen noch die Varianten diese/… und jene/…

    (Wenn ich gerade über diesen Punkt nachdenke: an sich bräuchte es generell eine Erweiterung der sogenannten pronominalen Deklination, denn wie drückst Du sonst so etwas wie „ein* solche* Mensch*“ indefinitiv/aluid* aus, analog zu „dier schöne****? Mensch*“, bei letzterem gibt es im Akkusativ einen Unterschied: m: „den schönen Mensch“ vs. f: „die schöne Frau“ – indefinitiv: „dien schöne? Mensch*“? s. https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Deklination#Adjektive.2C_Pronomen_und_Artikel )

    2. Das Possesivpronomen „xieser“ etc. hätte ich ohne Erklärung eher als eine Entsprechung zu „dieser/diese“ (sprich als Demonstrativum) gelesen. Wie wäre es mit „xein…“, dekliniert entsprechend zu https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Deklination#Possessivpronomen_und_der_unbestimmte_Artikel (auch hier müsste die Deklination natürlich erweitert werden, wenn das Bezugswort indefinit ist)? „xihr“ ist ja schon belegt mit dem klanggleichen „xier“ als Personalpronomen.

    • AnnaHeger sagt:

      Hi,
      freut mich dass meinen Comics folgst.

      Die Zusammenstellung alternativer Grammatik ist unvollständig. Das soll nicht irritieren. Die Neuentwicklung braucht Zeit und wahrscheinlich wird es hier auch noch eine Weile (vielleicht immer) nur eine unvollständige Grammatik ohne Geschlecht beziehungsweise mit vielen Geschlechtern zu finden sein. Für kommende Versionen der Grammatik ohne Geschlecht gibt es jetzt eine Seite für Veränderungen, Ergänzungen und Neuerungen.

      Es fehlen unterschiedliche Grammatikbestandteile, wie Du ja in Deinem Kommentar ansprichst:

      Adjektivendungen fehlen noch. Ein ersten Versuch gibt es bei Neuerungen, der ist aber noch nicht ausgegoren und vielleicht noch unpraktikabel.

      Demonstrativpronomen wie diese*, jene* und solche* fehlen. Grade ersteres würde ich öfter benutzen. Im Moment kann ich den Mangel umgehen in dem ich auch dort xier, xies, xiem und xien verwende.

      Was xies und xieser angeht, bin ich grade am überlegen ob ich sie austauschen sollte. Bei den Neuerungen wird beschrieben warum es Sinn macht das Personalpronomen des Genitivs, xies, mit dem Possessivpronomen des Nominativs, xieser, zu tauschen.

      Deine Vorschläge xein und xihr überzeugen mich im Moment noch nicht, aber ich werde die beide mal im Hinterkopf behalten.

      Nochmal, vielen Dank für deine Kommentare.

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