Comics und Wissenschaftskommunikation

Zusammenfassung

Comics und Graphic Storytelling transportieren Informationen und Zusammenhänge schneller als reine Texte oder Bildergeschichten. Durch die effektive Verbindung von Bild- und Textelementen werden Sachverhalte verdichtet und parallel dargestellt. An Beispielen der Arbeiten von Illi Anna Heger aus dem Museums-, Ausstellungs- und Wissenschaftskontext werden wichtige Aspekte der grafischen-textlichen Wissensvermittlung erläutert. Es geht um die Herkunft von Referenzbildquellen, erklärende und dokumentierende Comics, live-Zeichnen und den Ansatz, online Comics für mehr Barrierefreiheit maschinenlesbar zu machen.

Wimmelbild Illustration zusammengestellt aus Elemente des Comics Plastikplankton. Ein Seepferdchen umgeben von kleinen und große, bunten Plastikstücken.

Comics in der digitalen und analogen Wissenschaftskommunikation

Comics und Graphic Storytelling

Bei der Wissenschaftskommunikation ist die Verbindung zwischen wissenschaftlichen Themen, aktuellen gesellschaftlichen Bezügen und der Erfahrungswelt des Publikums wichtig. Die folgende Abbildung zeigt einen Ausschnitt des Comics „Plastikplankton“, in dem Biologie und Chemie mit dem gesellschaftlich relevanten Themen Mikroplastik und Umweltschutz verbunden werden. Der große Vorteil von Comics und Graphic Storytelling liegt in ihrer Fähigkeit unterschiedliche Aspekte und Sachverhalte parallel zu kommunizieren.

Ausschnitt aus dem Comic Plastikplankton und Link zu Comic mit vollständiger Texttranskription. Im abgebildeten Ausschnitt schnappt ein Seepferdchen nach einem bewachsenen Stück Plastik. Darunter Abbildungen von verschieden Arten Mikroplastik im Meer: Reifenabrieb aus Polybutadiene, BR, 10 Mikrometern groß, einzelne Mikrofasern aus Polyethylenterephtalat, PET, 1000 Mikrometern groß, ein Eckchen einer Chipstüte aus Polypropylen, PP, 2000 Mikrometern groß und ein einzelnes Rohplastik Pellet aus Polyethylene, PE, 5000 Mikrometern groß. Ein Gläschen mit unterschiedlich gefärbten Stücken von Mikroplastik. Daneben der Text: Biologen katalogisieren und analysieren das Plankton aus dem Meer auch das aus Plastik.

Comics bestehen aus Bild- und Textelementen und werden durch Panels (visuelle gerahmte Einheiten) strukturiert. Grundsätzlich sind Comics sequentiell aufgebaut, siehe Scott McCloud 1993 in „Understanding Comics the Invisible Art“, ein Panel folgt dem nächsten. Comics kommunizieren durch drei Arten von Interaktion (relationships): der Interaktion der Bilder miteinander, der Interaktion von Bild und Text und der Interaktion von Bild, Text und kulturellem Kontext, siehe MOOC von Matt Silady. „Graphic Storytelling“ ist ein moderner Begriff aus dem englischen, der sich auf ernstere Themen oder Romanformate bezieht.

Recherche und Bilderwelten

Das Comic „Herero Ecke Waterbergstraße“ in der folgenden Abbildung verbindet Münchener Stadtgeschichte und deutsche Kolonialgeschichte mit aktuelle Diskussionen um Straßenschilder, die Kolonialverbrecher ehren.

Ausschnitt aus dem Comic Herero Ecke Waterbergstraße und Link zu Comic mit vollständiger Texttranskription. Im abgebildeten Ausschnitt ist eine Gruppe Mädchen der OvaHerero Ende des 19. Jahrhunderts abgebildet. Koloniale Soldaten stehen zu gleicher Zeit auf einem Schiff. Angeschnitten sind die Einfamilienhäuser in der heutigen Hererostraße in München.

Bei dieser Arbeit bedurfte die Recherche der textlichen und visuellen Quellen großer Sorgfalt. Comics basieren auf Bilderwelten, deren Grundlage eine fundierte Referenzbildersammlung darstellt. Genau wie bei Textquellen muss hinterfragt werden:

• Wer hat die Bilder gemacht?
• In welcher Situationen wurden sie aufgenommen?
• Welche Machtverhältnisse existieren zwischen den Abgebildeten untereinander?
• Aus welcher eigenen Position heraus wird das Projekt bearbeitet?

Während der deutschen Kolonialzeit wurden fast alle Fotografien von Kolonialsoldaten oder kolonialen Siedlern aufgenommen. Die Menschen, die in kolonialisierten Regionen lebten, wurden oft gegen ihren Willen und respektlos fotografiert. Es gilt Wege zu finden, die Figuren im Comic trotzdem respektvoll darzustellen und Geschichte angemessen zu inszenieren. Es ist wichtig die Grenzen des eigenen Wissens zu beachten und ein Gefühl dafür zu entwickeln, bei welchen Themen zusätzliche Unterstützung in Form von Expertenlektorat und Sensitivity Reading nötig ist.

Dokumentation

Graphic Storytelling kann Teil einer Ausstellung, Dokumentation oder des Begleitprogramms sein. Die folgende Abbildung zeigt einen Ausschnitt der Comicdokumentation „Ein Ding zum Durchfahren“ der Ausstellung „Erika Mann – Kabarettistin – Kriegsreporterin – Politische Rednerin“ für die Münchner Monacensia Bibliothek.

Ausschnitt aus dem Comic Ein Ding zum Durchfahren und Link zu Comic mit vollständiger Texttranskription. Der abgebildete Ausschnitt zeigt eine Glasvitrine der Ausstellung mit einem aufgeschlagenen Buch mit Portraits von Erika Mann. In Sprechblasen erzählt sie von den Landsleuten die nicht gesehen und gewusst hätten und von den Nürnberger Prozessen und angeblichen Mitläufern.

Die Arbeit bleibt sehr nah an der kuratorischen Idee im Ausstellungsskript und lässt Erika Mann in eigenen Zitaten sprechen. Das Comic wurde online veröffentlicht und war während der Covid-19 Pandemie zeitweise der einzige Zugang zur Ausstellung.

Das Comic „Small Talk“, das folgt, dokumentiert das Philosophische Foyer im Begleitprogramm des Museums Villa Stuck in München.

Ausschnitt aus dem Comic Smalltalk und Link zu Comic mit vollständiger Texttranskription. Der abgebildete Ausschnitt zeigt das Publikum beim Philosophischen Foyer der Villa Stuck. Einige hören dem Moderator, der sie begrüßt und den Abend einleitet, auf Stühlen sitzend im Saal zu, zwei Menschen lauschen von einer Balustrade.

Es verbindet live im Skizzenbuch gezeichnete aquarellierte Bilder mit Originaltönen aus dem Mitschnitt der Veranstaltung. Bei öffentlicheren Formate, wie zum Beispiel Graphic Recording, dient das Zeichnen zusätzlich zur Interaktion mit dem Publikum.

Mehrkanalkommunikation

Comics an sich fungieren oft als weiterer Kommunikationskanal neben anderen musealen Angeboten. Ihr visueller Aspekt kann jedoch für einen der Teil des Publikums eine Barriere darstellen. Für online Veröffentlichung ist zusätzlich zur visuellen Version eines Comics eine Textversion, analog zu Bildbeschreibungen, sinnvoll. Dabei werden sowohl der im Comic sichtbare Text aber auch relevante visuelle Elemente abgebildet. Diese rein textbasierten Transkriptionen macht das Lesen mit Screenreader Software möglich. In Kombination mit Text-zu-Sprache Systemen oder Braille-Zeile am PC können die Textversionen des Comics akustisch oder haptisch konsumiert werden. Es folgt ein Ausschnitt des Comics „Burggeschichte“ und die dazugehörige Transkription.

Ausschnitt aus dem Comic Burggeschichte und Link zu Comic mit vollständiger Texttranskription. Der Text und die zwei Zeichnungen von Burgen werden im folgenden Zitat genau Beschrieben

Die Zeichnung einer umfangreicher Burganlage. Um den Brunnen im Burghof herum vielen verschiedenen Gebäuden.

Sie sagt: „…oder eher wie bei einer Burg, mit Anbauten, mit versteckten Kammern und von undurchschaubarer Stabilität.“

Wieder die Burg und zusätzlich sind mit roten Linien Balken, Räume und Verbindungsgänge in die Gebäude eingezeichnet. Außerdem beschreiben die eingezeichneten Jahreszahlen Eckdaten der deutschen Kolonialgeschichte: 1682, 1847, 1884, 1888, 1904, 1940.

Sie schließt ihre Erklärung mit: „Wenn wir die Geschichte eines Bauwerkes kennen, können wir verstehen welches die tragenden Balken sind. Dekonstruktion ist das Verstehen der Konstruktionen. Aus Verständnis resultiert nicht automatisch eine Veränderung, aber es kann der Anfangspunkt sein.“

Nachbemerkung

Für die Maitagung des Museumsbund habe ich den Impulsvortrag „Comics in der digitalen und analogen Wissenschaftskommunikation“ konzipiert. An Beispielen meiner bisherigen Arbeit veranschauliche ich wichtige Aspekte der graphischen Wissensvermittlung. Die Veröffentlichung als Artikel in „Natur im Museum“ der Fachgruppe Naturwissenschaftliche Museen steht noch aus. Bis dahin sollte bei Zitaten auf diese Seite verwiesen werden.

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