Artikel: Comics Screenreadable Transkribieren

Einleitung

Wenn mein Comic nicht nur visuell zugänglich sein soll, sondern auch taktil oder akustisch, via Screenreader und TextToSpeech oder Braillezeile, braucht es eine Transkription in reinen Text. Um zu entscheiden was muss ich beim transkribieren beachten will, muss ich mein Ziel kennen? Mein erstes Ziel ist es, das Comic für mehr Menschen zugänglich zu machen. In zweiter Linie wird mein Comic mit einer Transkription mit Textsuche durchsuchbar und die Inhalte googlebar. Drittens stelle ich fest wie ich beim Transkribieren und den vielen Entscheidungen, die ich dabei treffen muss, mein Comic und sein Storytelling, seine Bildsprache und die verwendete Kameraführung besser kennenlerne. Transkribieren ist also auch ein Werkzeug der Weiterentwicklung als ComiczeichnerIn.

Warum ich Comics überhaupt anderes als visuell zugänglich machen will, hat sehr viel mit meinem Publikum zu tun. Darum ging es in meinem ersten Artikel zu screenreadable Comics, der auch eine Liste aller von mir transkribierten Comics enthält.

Beim ersten Workshop „Comics Screenreadable Transkribieren“ standen die Zugänglichkeit und die Analyse der eigenen Arbeit im Mittelpunkt. Zwei wichtige Aspekte möchte ich hier näher betrachten: Storytelling in der Transkription und die Entscheidung über Detailtiefe.

Storytelling

In einem Comic wird die Geschichte von verschiedenen Ebenen getragen. Es gibt Dialog, der sich in Sprechblasen befindet. Es gibt erzählenden Text, der oft in eckige Kasten zu lesen ist. Die dritte Ebene ist visuell und kann sich aus mehreren visuellen Ebenen zusammensetzen. Manchmal wird eine Fantasiewelt parallel und im Kontrast zu einer realen Welt dargestellt oder die Geschichte bewegt sich in verschieden geschichtlichen Epochen und die Zeitsprünge werden visuell realisiert. Alles zusammen ergibt eine in sich geschlossene harmonische Geschichte.

Beim Transkribieren steht für mich das Geschichte im Mittelpunkt. Sie ist mir wichtiger als Vollständigkeit und die exakte Reihenfolge aller Elemente. Ich konsumiere bei Filmen und Serien oft die Hörfassung (Audiodescription), um parallel zu zeichnen. Bei der Hörfassung der Tatort Krimis der ARD fiel mir immer wieder auf wie gekonnt die Reihenfolge der Beschreibungen so gewählt ist, dass die Spannung nicht leidet. Zum Beispiel werden Aussehen und Bekleidung der ProtagonistInnen nicht gleich während der ersten Szenen beschrieben, sondern in einer späteren ruhigen Filmphase.

Beim Transkribieren übertrage ich als erstes alle Textelemente und ergänze knappe Beschreibungen der visuellen Elemente. Dann lasse ich das visuelle Comic liegen und arbeite nur mit der Rohtranskription. Ich ordne seine Bestandteile so, dass das Storytelling funktioniert. Ich gruppiere Absätze aus ein bis zwei Panels mit zwei bis drei beschreibenden Elementen.

Detailtiefe

Wie viele visuelle Details ich beschreibe hängt sehr vom Comic und seiner Struktur ab. Eine Transkription nur mit dem Text der Sprechblasen und der Zuordnung von Name für die interagierenden Charaktere ist möglich und sehr nah Theaterskripten. Es eignet sich für Comics die sehr auf dem Dialog basieren. Oft lohnt es sich auch hier die Gesichtsausdrücke und die Stimmung der Panels mit zu beschreiben.

Die Erwähnung von vielen Details liest sich zum Teil sehr anstrengend, zum Beispiel: „Im Zimmer sind ein Tisch, ein blaues Sofa, ein grüner Sessel, ein hellblauer Sessel, zwei Stühle aus hellem Holz, ein Couchtisch mit verstreuten Erdnussflips und auf dem Teppich zwei kleine Sofakissen.“ Die Frage ist ob diese ganzen Details so nötig für die Geschichte sind. Würde sich ein visueller Leser jedes Detail so lange angschauen oder doch einfach schnell nur „Wohnzimmer“ abspeichern. Oft hilft es knapp zu beschreiben und sich auf die Atmosphäre des Raumes und das spezielle darin zu konzentrieren, also zum Beispiel: „In dem gemütlichen Wohnzimmer liegen die Erdnussflips verstreut auf dem niedrigen Couchtisch. Jemand hatte die kleinen Sofakissen auf den Boden geworfen.“

Workshop

Es hat sich für den online Workshop sehr gelohnt eine kleine Gruppe zu haben. Wir haben uns zu Anfang in Videokonferenz getroffen, damit sich alle vorstellen und kennenlernen können. Danach wurden das Bild abgeschaltet, weil die einzelnen Comics und die Transkriptionsversuche betrachteten. Alle TeilnehmerInnen hatten im Vorhinein ein online Comic zum Transkribieren ausgewählt und begonnen die ersten paar Panels auf gut Glück zu transkribieren. Es hat viel Spaß gemacht sich diese ersten Ansätze anzuschauen und zu diskutieren was für Lesenden funktioniert und was noch optimiert werden kann. Ich habe bis jetzt zwanzig meiner eigenen Comic transkribiert und merke wie viel einfacher es mit der Erfahrung wird Entscheidungen beim transkribieren zu treffen. Ich merke auch wie sehr mein Transkriptionsstil vom Comic abhängt. Transkribieren ist eine Form von Übersetzung und in sich selbst auch eine Kunstform.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.